Gedicht

Klassentreffen

Abitur vor 20 Jahren
Sind wir noch die, die wir mal waren
Was ich bin, weiß ich - doch der Rest?
Gar spannend so ein Klassenfest
Und Wiedersehen nach zwei Jahrzehnten
Hat sich erfüllt, was wir ersehnten?
Wir war'n so jung und hatten Träume
Was wurd daraus, war'n es nur Schäume?
All die Ideen und Ideale
Heut trifft man sich in einem Saale
Und bei Bierchen und Buffet
Gibt's ein großes Hey, Juchhe
Wenn man erkennt, wer da grad kommt
Bei manchem auch der Name prompt
Fällt einem ein, bei andern nicht
Ja schon, man kennt zwar das Gesicht
Und auch diese Stimme, nur
Heut trägt sie ne Fönfrisur
Früher wilde Rastalocken
Jetzt tut sie mit Zaster zocken
Leitet eine Bankfiliale
So ändert auch ein Punk Ideale.
Fast alle sind sie sehr viel chicker
Nicht selten auch erheblich dicker
Locker 30 Kilo schwerer,
dafür die Herrn am Kopfe leerer
so mancher sagte tschüss zum Haupthaar
und protzt jetzt schlimmer als erlaubt war
kahlköpfig in der Runde rum
So wie der Klaus, er war echt dumm
Jetzt heißt's : Mein Haus, mein Porsche, mein Wauwau
Ach ja und das ist meine zweite Frau
Paul war damals so ein smarter
Jetzt sieht er aus ganz wie sein Vater
Ist in die Firma eingestiegen
Vergessen ist sein Traum vom Fliegen
Britta, unsere Chefemanze
Wurd schwanger nach 'ner Chefromanze
Verheiratet, 2 Kinder, Hausfrau
Zeigt Fotos von dem letzten Hausbau
Und wie aufs Stichwort, reichen nun
Alle ihre Fotos rum
Von Blagen und von Eigenheimen
Im Magen erste Zweifel keimen
Sind das noch die, die ich mal kannte?
Und sogar meine Freunde nannte?
Wie kam's, dass aus der wilden Klasse
Wurd diese ziemlich graue Masse?
Frust macht sich breit
Ne kleine Gruppe
Blickt schwer verwirrt auf diese Truppe
Die früher mal so anders war
Haben wir geglaubt das 20 Jahr
An uns vorbeigehn, einfach so?
Der Spruch des Tages kommt von Gabi
Notendurchschnitt 1 im Abi
Sagt sie: "Es schleift das Flussbett unseres Lebens
Halt alle Kiesel glatt", vergebens
Will ich ihr vor die Füße würgen
Mein Magen boykottiert, und Jürgen
Betritt den Saal, die Mädels schaun
Er war der Schwarm von allen Frauen
Er war so toll, so hip, so cool
Und jetzt bekennt er: "Ich bin schwul!"
Das Glück, es sei ihm unbenommen
Doch langsam ahne ich verschwommen
Man muss den Fakten ins Gesicht sehn
Die Zeit, sie lässt sich nicht zurückdrehn
Es gibt das Flussbett namens Leben
Mit uns als Kieselsteinen eben
Doch manchmal tut es einfach gut
Man stellt sich gegen diese Flut
Wird nicht ganz glatt und nicht ganz rund
Statt grau, lieber ein bisschen bunt!

Verfasserin: Heike Knispel

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Stefanie Scholten, erstellt am: 8. Septmeber 2003, zuletzt geändert am: 7. Juni 2007